Fragen vom Ortsverband Bündnis 90/Die Grünen Grafenau an die beiden Bürgermeisterkandidaten:

1. Was möchten Sie für Grafenau erreichen und wofür möchten Sie sich besonders einsetzen?
Herr Thüringer:
Unsere Gemeinde Grafenau ist eine schöne Wohngemeinde wo die Kultur und Natur zu Hause sind. Uns ist gelungen, eine gute Infrastruktur in vielen Bereichen von der Kinderbetreuung, Schulangeboten bis zur Grundversorgung aufzubauen. Diese gilt es zu erhalten und weiter auszubauen. Dabei ist mir wichtig, dass die Menschen sich hier in unserer Gemeinde wohl fühlen und auch im sozialen Bereich weiter unterstützt werden, denn nicht allen geht es gut.
Herr Weinberger:
Ich möchte erreichen, dass die junge Generation stärker in die Politik eingebunden wird und damit der nächste Schritt zu einer modernen und nachhaltigen Gemeinde gegangen wird. Hierbei verfolge ich zwei Herzensprojekte. Das eine ist die Einführung eines Jugendbeirats, das andere ist die Abschaffung der unechten Teilortswahl.
2. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen der Gemeindea. In finanzieller Hinsicht?
Herr Thüringer
Es ist momentan nicht absehbar, welche gesamtwirtschaftlichen Folgen die Coronapandemie auch auf unsere Gemeinde insbesondere bei unseren laufenden Einnahmen wie Gewerbesteuer und Einkommensteuer, sowie der Abrechnung des kommunalen Finanzausgleichs haben wird. Allerdings verfügen wir über eine Liquidität von ca. 4 Mio €, haben in den letzten Jahren unsere Schulden um ca. 3 Mio € abgebaut und erhalten zur Zeit sehr günstige Kreditzinsen. Dieses Potential gilt es jetzt einzusetzen, um möglichst schnell die massive Wirtschaftskrise zu überwinden.
Herr Weinberger:Kurzfristig gesehen ist es wichtig, die finanziellen Folgen der Corona-Pandemie zu überstehen. Mittelfristig müssen Wege gefunden werden, auch in finanziell schwereren Zeiten ohne Kredite handlungsfähig zu bleiben. Hierfür müssen Rücklagen gebildet werden und der Haushalt als Ganzes konsolidiert werden. Die Ablösung von kurzfristigen Darlehen durch langfristige Kredite und die damit verbundene Rückzahlung steht hier besonders im Vordergrund.
b. Im Hinblick auf zukunftsorientierte notwendige Projekte?
Herr Thüringer:Vor diesem Hintergrund ist aus meiner Sicht die - auch ökologische - Gestaltung der „Grünen Mitte“ zwischen unseren beiden Ortsteilen als Naherholungsbereich die größte Herausforderung der kommenden Jahre mit der Umsetzung der Sportstättenkonzeption, dem Neubau des Feuerwehrgerätehauses, der Erweiterung der Wiesengrundhalle um Gastronomie und weiteren Übungsräumen bis hin zur Gestaltung des Ortseingangs von Dätzingen im Zuge der Integration einer Tagespflege und betreuten Wohnangeboten. Ein wunderbarer Schlusspunkt wäre dabei der Ausbau der Stegmühle als Haus der Vereine und für die Jugend. Innerhalb der anstehenden Projekte haben wir mit dem Grunderwerb eine große Hürde bereits nehmen können, aber bei der Planung wird uns noch manche Herausforderung erwarten, da heute viele Aspekte zu berücksichtigen sind. Des weiteren fordert die Deckung der Kosten eine hohe Aufmerksamkeit.
Herr Weinberger:Hierunter fallen meiner Meinung nach besonders Projekte, über welche mittel- bis langfristig das investierte Geld wieder zurückfließt und die Gemeinde finanziell unabhängiger machen. Ein Beispiel hierzu ist eine Versorgungssicherheit von Strom und Wasser in der Gemeinde sicherzustellen, ohne von Drittanbietern abhängig zu sein. Dies könnte durch die Erzeugung von Ökostrom auf gemeindeeigenen Flächen geschehen, was in den nächsten Fragen noch weiter ausgeführt wird.
3. Was macht Ihrer Meinung nach eine gute Kommunikation zwischen Rathaus und Bürger aus?Herr Thüringer:
Bürgerinnen und Bürger sollen und dürfen unsere Gemeindeverwaltung bei Ihren Anliegen und Sorgen als „helfendes Rathaus“ empfinden. In der Kommunikation spielen heute die sozialen Medien wie Facebook, Messenger, Twitter und Instagram eine immer größere Rolle, aber wir können nicht alles bedienen. Orientiert an den Beispielen unserer Nachbargemeinden haben wir im Gemeinderat beschlossen, dass wir uns neben dem Mitteilungsblatt auf unsere Homepage, die wir im Moment überarbeiten, als Plattform für die Bürgerinformation konzentrieren. Dazu unterstützen wir die ehrenamtliche, private Facebookgruppe Grafenau – Döffingen/Dätzingen. Selbst bin ich ebenfalls in Facebook und Instagram aktiv unterwegs. Mir persönlich ist der direkte Austausch mit unseren Bürgerinnen und Bürger wichtig: BürgerInnenversammlung, frühzeitige Informationsveranstaltungen, Workshops, regelmäßige EinwohnerInnenfragerunden im Gemeinderat oder auch Berichte im Mitteilungsblatt, sowie BürgerInnentouren – möglichst frühzeitig und transparent möchten wir so mit unseren BürgerInnen über die Themen unserer Gemeinde kommunizieren und ihre Meinung einbinden.
Herr Weinberger:Ich finde es enorm wichtig, dass der Bürgermeister in den Vereinen im Ort aktiv ist. Der direkte Kontakt ist ein erster Schritt, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was die Bürger im Ort benötigen. Regelmäßige Bürgersprechstunden, die Bereitstellung von digitalen Kommunikationswegen sowie die Gründung eines Jugendbeirats sollen ebenfalls dazu beitragen, den Stimmen der Bürger mehr Gehör zu verschaffen.
4. Welchen Führungsstil stellen Sie sich im Umgang mit der Verwaltung vor, um in Zukunft der hohen Fluktuation von Personal vorzubeugen? Herr Thüringer:
Ich orientiere mich an einem wertschätzenden kommunikativen Führungsstil, bei dem sich der einzelne Mitarbeiter stets mit seiner eigenen Meinung einbringen kann und wir gemeinsam nach der besten Lösung für die Gemeinde suchen. Mitarbeitergespräche führen wir regelmäßig. Mir ist wichtig, dass sich die Mitarbeiter bei der Arbeit wohl fühlen und ihre Aufgaben eigenständig erfüllen und eigene Ideen verwirklichen können. Um die Teambildung zu fördern, organisieren wir verschiedene Angebote vom jährlichen Grillfest bis zur Weihnachtsfeier.Die hohe Fluktuation ist relativ: bei mittlerweile über 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Gemeindeverwaltung sind Wechsel im Jahresverlauf nicht ungewöhnlich. In den letzten Jahren sind etliche Mitarbeiter in den Ruhestand getreten, oder haben berufliche Aufstiegsperspektiven wahrgenommen, teilweise wurden sie abgeworben oder sind aus privaten Gründen verzogen. Uns ist gelungen diese Stellen wieder mit qualitativ guten MitarbeiterInnen zu besetzen, was aber für alle Gemeinden im Moment angesichts des Fachkräftemangels im öffentlichen Dienst schwierig ist. Dazu haben wir in den verschiedenen Amtsbereichen Kämmerei, Hauptamt und Bauamt Personalaufstockungen angesichts zunehmender Aufgaben vorgenommen, so dass vor allem im Angestelltenbereich keine wesentlichen Überstunden bestehen.
Herr Weinberger:Meines Erachtens nach kann der Fluktuation durch zwei Maßnahmen gegengesteuert werden.a. Aufgrund des hohen Pensum an Mehrarbeit der aktuellen Mitarbeiter, ohne die Möglichkeit diese angemessen auszugleichen, ist es sehr schwierig das Zufriedenheitslevel der Angestellten und Beamten hoch zu halten. Durch die Schaffung neuer Stellen, dem Abbau von zusätzlich geleisteten Stunden und einer sinnhaften Vertretungsregelung kann an diesem Punkt dem Mitarbeiter das Gefühl gegeben werden, dass man sich um ihn kümmert.b. Durch einen kooperativen Führungsstil und den Grundsatz der stets offenen Tür, kann die Zufriedenheit der Mitarbeiter weiter gesteigert und die Fluktuation verringert werden. Meine Mitarbeiter sollen mir hierbei im Besonderen beratend zur Verfügung stehen, damit ich aus der Erfahrung der Mitarbeiter lerne und nicht nur von oben herab bestimme, was zu tun ist.
 
5. Wie könnte man Grafenau speziell für junge Menschen attraktiver gestalten?Herr Thüringer:
Neben dem guten und vielfältigen Angebot für junge Menschen, das in Grafenau vor allem auch aus dem Vereinsbereich und im Engagement der Kirchengemeinden kommt, halte ich es für notwendig, weitere (offene) Treffmöglichkeiten für Jugendliche anzubieten und unsere jungen Menschen mit ihren Vorstellungen und Wünschen einzubinden. Für Wünsche und Anregungen der Jugendlichen sind wir immer offen. Des weiteren ist auch die aufsuchende Jugendarbeit in Form von Streetwork ein wichtiger Schwerpunkt unseres Jugendreferats. Unsere Kinder und Jugendliche haben mit unseren beiden Jugendreferentinnen sowie unserer Schulsozialarbeiterin als erste Anlaufstelle Ansprechpartnerinnen für Ihre Wünsche, Sorgen und Probleme. Glücklicherweise konnten wir diese Stellen über die Jugendhilfeeinrichtung Waldhaus nun endlich wieder besetzen. Letztendlich ist mir ein Anliegen, dass sich damit unsere Kinder und Jugendlichen in der Gemeinde einbringen können, denn so wird unsere Gemeinde für junge Menschen noch attraktiver.
Herr Weinberger:Die Attraktivität der Gemeinde besteht meines Erachtens nach aus mehreren Säulen. Die erste Säule stellt die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum dar, damit junge Familien in unserer Gemeinde ein Zuhause finden.Des Weiteren bin ich der Meinung, dass es dem Ort an jugendgerechten Treffpunkten mangelt, was sich auch in den regelmäßigen Beschädigungen an der Gemeinschaftsschule in Döffingen wiederspiegelt.Die dritte Säule besteht darin, durch Veranstaltungen und Feiern die ortseigene Vereinskultur zu unterstützen, um so das Vereinsleben weiter anzukurbeln und jungen Menschen eine Möglichkeit des Rückzugs und der Beschäftigung zu bieten. In diesem Zuge finde ich es wichtig den bereits vorhandenen Jugendtreff „Sumpf“ darin zu unterstützen, für junge Menschen wieder attraktiver zu werden.Die mangelnde Digitalisierung der Gemeinde macht einen Zuzug von jungen Familien ebenfalls unattraktiver. Hier muss eine Möglichkeit geschaffen werden, Amtsgeschäfte auch von Zuhause erledigen zu können. Dies hat zudem den Nebeneffekt, dass im Rathaus weniger Publikumsverkehr stattfindet und so die Mitarbeiter ungestörter und damit effektiver arbeiten können.
6. Haben Sie bereits Ideen, wie die geplante Ortskernsanierung „Zum Ulrichstein‘“ die Gemeinde aufwerten könnte?Herr Thüringer:
Mit dem Sanierungsgebiet Ulrichstein sollten wir im Wege der Innenentwicklung das bisherige Gewerbegebiet in ein Wohngebiet umwandeln, wovon auch die angrenzende Wohnbebauung insbesondere im Leislengraben, sowie im Forchenweg, Dammweg und im Tannenweg profitiert. Wohnen am Ortszentrum läßt dann viele Möglichkeiten offen, wie Generationenwohnen, Seniorenwohngruppen, innerhalb des Gebiets sollten auch Spielmöglichkeiten für Kinder und Jugendlichen eingeplant werden. Auf weitere Ideen zur Gestaltung hoffe ich auch durch die Einbindung unserer Bürgerinnen und Bürger.
Herr Weinberger:Ein zentraler Bestandteil des Ortsteils „Zum Ulrichstein“ ist meiner Meinung nach, der bereits vorhandene Bolzplatz, welcher aber leider in der jüngeren Generation kaum mehr Zuspruch findet. Bedingt durch die Lage der Sportplätze an den äußeren Rändern der beiden Teilorte, finde ich es wichtig in dieser Sanierung den Platz nicht zwangsläufig umzugestalten. Zudem sollten sich die Sanierungspläne an die bereits vorhandenen Gebäude in den angrenzenden Gebieten anpassen. Nicht sinnvoll fände ich hier ein „zupflastern“ des vorhandenen Platzes mit mehrgeschossigen Mehrparteienhäusern, da dies zu einer Abwertung der anliegenden Flächen führen könnte.
7. Viele Familien und sozial schwächeren Menschen ist es nahezu unmöglich, in unserer Region bezahlbaren Wohnraum zu finden:a. Welchen Kaufpreis pro qm halten Sie für vertretbar?
Herr Thüringer:
Grafenau liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wirtschaftsraum Sindelfingen/Böblingen, wodurch auch der Grundstücksmarkt beeinflußt wird. Zu den hohen Preisen, die deshalb auch in Grafenau bezahlt werden, müssen wir Alternativen durch günstigere Gebiete entwickeln, so dass sich für Grafenau ein Preiskorridor ergibt und wir insgesamt ein möglichst breites Preisspektrum erhalten. Das untere Preisniveau sollte möglichst unter 400 € pro qm liegen.
Herr Weinberger:
Eine generelle Aussage hierzu halte ich für außerordentlich schwierig, da hier viele Faktoren wie Lage, Anbindung, usw. mit hereinspielen. Mit dem Problem der überteuerten Bauplätze stehen wir, wie Sie schon erwähnen, nicht allein da. Hier wäre es meiner Meinung nach wichtiger, entsprechende Programme kommunenübergreifend zu koordinieren, um einen gemeinsamen Ansatz zu finden wie gegengesteuert werden kann.
b. Was wollen Sie zukünftig als BM für den sozialen Wohnungsbau in unserer Gemeinde tun?
Herr Thüringer:
Mit der Ausweisung neuer Baugebiete, den Sanierungsflächen Ortskern Dätzingen und Ulrichstein sind wir aktuell dran, Flächen für Wohnbau als Grundvoraussetzung auch für den sozialen Wohnungsbau zu schaffen. Leider ist die Ausweisung solcher Gebiete heute nur durch komplexe, langwierige Bebauungsplanverfahren möglich. Bauplätze für Mehrfamilienhäuser sollten dann als Geschosswohnungsbau Bauträgern mit der Verpflichtung verkauft werden, dass sie einen Anteil der Wohnungen (von z.B. 30%) als sozialer Wohnungsbau anbieten müssen. Des weiteren könnten wir Bauplätze in Erbbaupacht oder besser im Mietkauf anbieten. Dem Gemeinderat werde ich auch vorschlagen, zu prüfen, ob die Gemeinde nicht selbst ein Geschosswohnungsbauprojekt verwirklicht, um selbst Wohnungen zu schaffen, wie aktuell beim Umbau des Alten Rathauses in der Wittumstrasse. Dies könnte auch in Form eines Art Bauherrenmodells oder Genossenschaftsmodells geschehen: Die Gemeinde sucht für sozialen Wohnungsbau Bürger als Investoren und sorgt für die Planung und die Bauabwicklung eines solchen Projekts. Gut wäre es, wenn wir dazu eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft gründen dürften, das ist uns nach dem Gesetz aber momentan verboten.Auch in unserer Gemeinde stehen zahlreiche Wohnungen - oft sogenannter Einliegerwohnungen - leer und werden von den Eigentümern nicht mehr vermietet. Zwar konnten wir mit dem „Grafenauer Modell“ einige Wohnungen anmieten, um sie an Bedürftige weiterzuvermieten. Aber da ist noch deutlich „Luft nach oben“! 
Herr Weinberger:
Hier schwebt mir die Gründung einer gemeindeeigenen Wohnungsbaugesellschaft vor, welche den Bau und die Instandhaltung von gemeindeeigenen Wohnungen koordiniert. Dies beschränkt sich nicht nur auf den Bau von Wohnungen für sozial schwächere Familien, sondern inkludiert auch die Schaffung von Gewerberaum für junge Firmen, sowie die Verwaltung und Koordinierung von Bauvorhaben auf gemeindeeigenen Flächen.
8. Wie erklären Sie sich die große Differenz im Grundstückspreis zwischen Gewerbegebiet und Wohngebiet, wo doch die Kosten für die Infrastruktur ähnlich sein sollten?Herr Thüringer:
Der Preis für Gewerbeflächen ist in jeder Gemeinde deutlich niedriger, als der Preis für Wohnflächen. Zum einen ist der Aufkaufpreis beim Rohbauland für Gewerbeflächen niedriger, und die Erschließungskosten verteilen sich auf eine größere Fläche, da ein Gewerbegrundstück deutlich größer ist als im Vergleich zu einem Wohngrundstück. Bei der Ansiedlung von interessanten Unternehmen stehen die Gemeinden auch in starker Konkurrenz zueinander. Die Erwirtschaftung der Gestehungskosten bleibt dabei das Ziel beim Verkauf von Gewerbeflächen und ist uns bislang gelungen.
Herr Weinberger:
Ein Hauptgrund hierfür liegt besonders im Verhältnis des Angebots und der Nachfrage. Während für Grafenauer Verhältnisse enorm viel Gewerberaum geschaffen wurde, welcher aber nicht nachgefragt wird, sind Bauplätze für die Privatnutzung verhältnismäßig knapp. Der aktuell vorhandene und nicht ausgelastete Platz im Gewerbegebiet sollte meiner Meinung nach dazu verwendet werden sogenannten „Start-Ups“ einen attraktiven Wirtschaftsstandort zur Verfügung zur stellen. Dies setzt allerdings voraus, dass die Gemeinde selbst Gewerbeflächen schafft und zur Verfügung stellt. Eine zeitweise Aussetzung der Gewerbesteuer für Start-Ups ist ebenfalls ein Punkt, der es den Unternehmen schmackhaft machen soll hier Fuß zu fassen.
9. Haben Sie Visionen, in welcher Form wir die Klimaziele der Bundesregierung als Gemeinde unterstützen könnten?Herr Thüringer:
Mit der Konzeption innerhalb unseres Nachhaltigkeitsberichts hat unser Gemeinderat festgelegt, welche Schwerpunkte Grafenau auch unter der Überschrift Klimaschutz angehen wird: Weitere Sanierungen der Gemeindegebäude, wie z. B. die Modernisierung der Heizung an der Gemeinschaftsschule, Förderung privater Sanierungsprojekte in unseren Sanierungsgebieten bis hin zum Ausbau der Photovoltaik sind Bausteine der Konzeption. Eine besonders interessante Idee finde ich die Installation eines Nachhaltigkeitsportals im Internet: BürgerInnen können dort ihre eigenen Projekte vorstellen, womit andere zum Nachahmen angeregt werden.Interessante Impulse könnten sich auch durch eine Umwelt-AG an unserer Gemeinschaftsschule ergeben. Auch denkbar wäre eine Dachflächenbörse: Eigentümer könnten Interessenten ihre Dachflächen zur Installation einer Photovoltaikanlage anbieten. Leider hat Corona erste Überlegungen zu einer Umwelt- und Energiewoche jetzt im Herbst mit Vorträgen und Veranstaltungen beendet, die Idee werde ich aber wieder aufgreifen. Es ist Absicht, auch für die Neubaugebiete Konzepte wegen der Energieversorgung zu entwickeln.
Herr Weinberger:
Um die Klimaziele der Gemeinde erreichen zu können, wird es notwendig sein an mehreren Stellschrauben zu drehen. Zum einen gilt es, den öffentlichen Stromverbrauch soweit wie möglich zu reduzieren. Eine Idee ist hierbei die (teilweise) Abschaltung von Straßenlaternen nach 0 Uhr, wie dies bereits auch schon in Weil der Stadt stattfindet.Zum anderen sollte ein Fokus darauf gelegt werden, durch die Ausstattung von Gebäuden mit Solar- und Photovoltaikanlagen, sowie gegebenenfalls der Nutzung von Windenergie unabhängiger von Stromlieferungen zu werden.
Was halten Sie beispielsweise von einer Verpflichtung, Neubauten mit Zisternen und Solar/Photovoltaik auszustatten?
Herr Thüringer:
Für solche Verpflichtungen bei Neubauten – also in bestehenden Baugebieten – bräuchte es zuerst einer gesetzlichen Regelung durch die Landesregierung. Die Solarthermie als Bestandteil der Heizung hat sich abhängig von der Heizungsart weitgehend durchgesetzt, weil nach dem Erneuerbare Energiegesetz (EEG) ein Anteil der Heizenergie ökologisch erzeugt sein muss.
Die Festsetzung von solchen Verpflichtungen können wir allenfalls in Neubaugebieten andenken. Unter Ziff. 7 wird aber nach bezahlbaren Wohnraum gefragt, deshalb müssen wir mit der Festlegung von solchen baulichen Standards aufpassen und sie sollten sich deshalb mittelfristig auch ökonomisch rechnen. Zisternen sind nur bedingt ökologisch sinnvoll: Die notwendige Zurückhaltung des Regenwassers ist in der Bauleitplanung eines Baugebiets über z.B. Retentionsbecken, Pflicht zur Dachbegrünung oder Pflicht zu entsiegelten Flächen sowieso mit einzubeziehen. Allenfalls zum Schutz des Trinkwassers sind Zisternen ein Aspekt. Aber wir haben eigentlich keine Probleme bei der Wasserversorgung eher bei der zunehmenden Absenkung des Grundwassers. Problematisch kann eine Zisterne sogar für die allgemeine Wasserversorgung werden, wenn ein Trinkwasseranschluss mit verbaut wird und dies unsachgemäß erfolgt! In der Abwägung würde ich mich nach jetzigem Stand deshalb bei der Regelung im Bebauungsplan nur zu einer Empfehlung für eine Zisterne entscheiden.
Anders bei der Photovoltaik: hier neige ich dazu die Pflicht aufnehmen, auch wenn manche Menschen wegen des Elektrosmogs Bedenken haben. Meines Wissens denken Bund und Land aber im Moment eh über eine Photovoltaikpflicht nach.

Herr Weinberger:
In diesem Punkt muss die Gemeinde ein Vorreiter sein und zumindest die gemeindeeigenen Gebäude verpflichtend mit mindestens einem erneuerbarem Energieerzeuger ausstatten. Durch die Schaffung einer gemeindeeigenen Wohnungsbaugesellschaft könnten so auch Neubauten im Sozialbau und für Familien sowie Firmen damit ausgestattet und zumindest teilautark gemacht werden. Durch neue Technologien zur Speicherung der erzeugten Energie in Form von Wasserstoff kann die überschüssige Energie für spätere Zeiten nutzbar gemacht werden.
Mit welchen konkreten Maßnahmen wollen Sie eine klimafreundliche Mobilität in unserer Gemeinde unterstützen?Herr Thüringer:Ich unterstütze gerne eine klimafreundliche Mobilität: Betreiber von Ladesäulen für die E-Fahrzeuge würden wir kostenlos öffentliche Parkplätze als Standort anbieten. So die Haltung in Gemeinderat und Verwaltung. Allerdings lehnen wir im Gemeinderat ab, dass die Anschlusskosten für eine solche Ladesäule von bis zu 10.000 € durch die Gemeinde getragen werden soll, die Nutzungsgebühren aber beim Betreiber verbleiben.E-Scooter (Roller) oder auch E-Bikes, die ausgeliehen werden können – solche Angebote gibt es durch Firmen bislang nur in größeren Städten. Gerne unterstütze ich solche Verleihangebote, wenn diese auch Grafenau attraktiv finden. Außerdem prüfen wir im Moment Anfragen von Carsharingunternehmen.Eine vielversprechende Idee, die wir gerade untersuchen, finde ich die Überlegung, mit einer Photovoltaikanlage auf dem Rathausdach Strom zu erzeugen und in einen Batteriespeicher einzuspeisen, um damit dann E-Fahrzeuge für Amtsbotin und Ortsbaumeisterin zu betreiben.Innerhalb der Bürgerstiftung haben wir das Mitfahrangebot entwickelt, das wir gerne in Form des Angebots eines Bürgerbuses ausgebaut hätten. Die Kosten dafür sind allerdings hoch und das Angebot steht in Konkurrenz zu kommerziellen Anbietern (Taxi!). Aber es hätte durchaus einen besonderen Charme, mit einem E-Busle durch unser schönes Grafenau zu gondeln!! Herr Weinberger:Langfristig muss sichergestellt werden, dass die Gemeinde an das aktuell im Ausbau befindliche Schnellradwegnetz der Landeshauptstadt Stuttgart angeschlossen wird. Zudem muss kurzfristig ein Partner gefunden werden, welcher in der Gemeinde den Aufbau und Betrieb von Ladestationen von Elektrofahrzeugen übernimmt.